Zorn Teil 1: Den Zorn Verstehen

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Von David Powlison Über Zorn
Teil der Journal of Biblical Counseling-Serie

Übersetzung von Thomas Menz

Jeder Mensch hat mit Zorn zu tun. In einer Welt voller Enttäuschungen, Unvollkommenheiten, Qualen und Sünden (unserer eigenen und die anderer) ist Zorn ein gegebener Umstand. Sie werden zornig. Ich werde zornig. Diejenigen, denen Sie einen Rat erteilen, werden zornig. Dies ist ohne Zweifel der Grund, warum die Bibel mit Geschichten, Lehreinheiten und Kommentaren zum Thema Zorn vollgepackt ist: Gott will, dass wir den Zorn verstehen und dass wir wissen, wie Probleme mit dem Zorn gelöst werden können.

Dieser Artikel besteht aus drei Teilen. „Den Zorn verstehen“ konzentriert sich darauf, wie wir über den Zorn denken. Die Teile zwei und drei, die in den zukünftigen Ausgaben erscheinen, betrachten die engeren Zusammenhänge und wie wir zornige Menschen beraten können.

Was ist Zorn? Wie ergibt er für uns einen Sinn? Lassen Sie uns mit fünf allgemeinen Aussagen über etwas beginnen, das wir oftmals erleben, wobei wir jedoch selten innehalten, um es zu verstehen.

1. In der Bibel geht es um Zorn

In der Bibel geht es um Zorn. Wer ist die zornigste Person in der Bibel? Gott. Wenn Gott das Böse anschaut, „…wendet sich sein Zorn nicht ab“, wie Jesaja immer und immer wiederholt. Im Römerbrief erwähnt Paulus den Zorn Gottes und seine Auswirkungen mehr als fünfzig Mal, und er beginnt mit: „Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen“ (Röm. 1:18). Johannes sagt, dass der Zorn Gottes auf jedem bleibt, der nicht an den Sohn Gottes und seine Gnade glaubt: Zorn war, ist und bleibt über ihren Köpfen. [1]

Das Gott zornig ist, sagt uns etwas sehr wichtiges. Zorn kann völlig richtig, gut, angemessen, schön, die einzig gerechte Antwort auf etwas Böses und die liebende Antwort im Namen der Opfer des Bösen sein. Tatsächlich „wäre es für ein moralisches Wesen unmöglich, angesichts eines wahrgenommenen Unrechts gleichgültig und unbewegt zu sein“.[2] Es ist kein Wunder, dass Jesus voller Zorn war, als er Menschen traf, die den Lobpreis Gottes pervertierten und die zu den Leiden anderer Menschen beitrugen oder ihnen gleichgültig gegenüber standen. [3]

Gottes Zorn ist niemals launenhaft oder übel gelaunt. Er antwortet gerechterweise auf das , was falsch oder ungehörig ist. Aber er hat niemals „Gefallen am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, sondern vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt“ (Hes. 18:23). Die menschlichen Geschöpfe waren dazu ausersehen, den zu lieben, der sie geschaffen hat und der sie erhält, dessen „Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut“ alle Menschen erfahren haben (Röm. 2:4). Aber „ihre abgöttischen Herzen wandten sich ab…und ihre Augen schauten nach ihren Götzen“ (Hes. 6:9). Ist Gottes Zorn ungerecht? Wenn er herausgefordert wird, ist Gottes Antwort ehrlich: „Sollte ich unrecht handeln, Haus Israel? Ist es nicht vielmehr so, dass ihr unrecht handelt?... sondern sie sollen dich richten, wie du gelebt und getan hast.” [4]

Die Verbrechen, die den Zorn Gottes heraufbeschworen, sind Kapitalverbrechen: Verrat, Rebellion, Betrug, blasphemische Glaubensrichtungen. Das menschliche Herz ist treulos; wir wollen alles über Gott glauben, aber nicht das, was wirklich wahr über ihn ist. Diese Gefühle kommen in uns auf, wenn wir jemanden hören, der mit dem Wort „Verräter“ beschrieben wird, der andeutet, wie er über den Zorn Gottes urteilt. Die Menschen sind dazu geschaffen, der Leben spendenden Stimme Gottes zuzuhören und sich gegenseitig mit Liebe zu behandeln. Aber wir haben Herzen aus Stein. Wir sind halsstarrig: „…ein jeder lebt nach seinem verstockten und bösen Herzen, sodass er mir nicht gehorcht“; „…jeder tat, was ihn recht dünkte.” [5] Gott wäre weniger als Gott, falls er solche Bösartigkeiten nicht hasste.

Gott ist natürlich die liebevollste Person der Bibel; und der Sohn Gottes drückt die Fülle seiner Liebe aus. Wir versäumen oftmals zu sehen, das Gottes Zorn und seine Liebe als verschiedene Ausdrucksweisen seiner Güte und Herrlichkeit vollkommen miteinander im Einklang sind. Die beiden wirken zusammen: „Jesus brannte vor Zorn gegen das Unrecht, dem er auf seiner Reise durch das menschliche Leben begegnete, so wahrhaft, wie er vor Erbarmen verging, als er das Elend der Welt ansah: und wegen dieser zwei Gefühle ging seine tatsächliche Gnade weiter.” [6] Sie können Gottes Liebe nicht verstehen, wenn Sie seinen Zorn nicht verstehen. Weil er liebt, ist er zornig über das, was Schaden anrichtet.

Aber beachten Sie die Art und Weise, wie Gottes Kinder seinen Zorn erleben: sein Zorn drückt sich zu ihrem Vorteil als zärtliche Liebe im höchsten Grade aus! Wie wir sehen werden, ist die Bibel über diese Wahrheit widerspruchsfrei. Obwohl sich Zorn per definitionem mit der Absicht zu zerstören gegen Dinge richtet, wie kann dann Gottes Zorn etwas werden, das die Kinder Gottes lieben und ihm vertrauen, anstatt etwas, das sie fürchten oder nicht mögen? In welcher Weise ist Gottes Zorn ein Ausdruck dessen, wie er für uns ist, anstatt ein Ausdruck dessen, wie er gegen uns ist? Die Gute Nachricht wird immer in Ausdrücken präsentiert, die uns zeigen, wie Liebe und Zorn aufgelöst werden. Gott drückt seine Liebe zu seinem Volk durch jede dieser drei Arten aus. Er drückt seinen Zorn über das Unrecht aus. Er verspricht, die Gläubigen von drei Dingen zu befreien.

Erstens fiel aus Liebe der Zorn, den Ihre Sünde verdiente, auf Jesus. Gottes Zorn über die Sünde wurde ausgedrückt – aber um unser Wohlergehen willen. Gott setzte uns ein für allemal in der Vergangenheit davon frei, jemals seinen Zorn gegen unsere Sünden zu erleben. In unerschütterlicher Liebe opferte er seinen unschuldigen Sohn, um seinen Zorn zu tragen, den die Schuldigen verdient hatten. Gottes Zorn bestraft und zerstört, gibt unserer Sünde, was sie verdient – aber er wurde von Jesus auf sich genommen, dem geliebten Lamm, dem Retter der Sünder. Weil er uns liebt, opfert er sich selbst, um das Feuer des Zorns zu tragen; der Weg unserer Erlösung ist seine Herrlichkeit und unsere Freude. Gottes liebender Zorn, ausgedrückt in einer Art, die uns Segen bringt, ist die Basis für ein Leben aus dem Tod: er sichert uns wahre Vergebung zu. Rechtfertigung durch Glauben und die Annahme als Kinder Gottes vertrauen dieser Form der Liebe, die stellvertretendes Sühneopfer genannt wird. Was wir verdienen, trug ein anderer, weil er sich entschied, uns zu lieben. In dieser größten Tat sich selbst verschenkender Liebe erleben wir, dass Gottes Zorn FÜR uns arbeitet. Als Antwort darauf bereuen und glauben wir zuversichtlich.

Zweitens wirkt Gottes Zorn in Liebe, um die Macht Ihrer Sünde unschädlich zu machen. Sein Zorn gegen die Sünde ist zu Ihrem Wohlergehen. In der Gegenwart befasst er sich immer wieder mit der innewohnenden Sündhaftigkeit selbst. [7] Der Heilige Geist, der die Liebe Gottes in Sie ausgießt, ist ein brennendes Feuer des Zornes gegen die das Böse, nicht, um Sie zu zerstören, sondern um Sie zu erneuern. In unerschütterlicher Liebe schafft er uns neu, nicht etwa dadurch, dass er unsere Sünde toleriert, sondern dadurch, dass er unsere Sünde in einer Weise hasst, die wir zu lieben lernen! Dieser Prozess ist nicht immer angenehm, weil Leiden, Tadel, Schuld und Schuldeingeständnis sich nicht gut anfühlen. Aber Erlösung, Gnade, Auferbauung und ein gereinigtes Gewissen fühlen sich gut an. Gott erneuert uns fortlaufend in Liebe, Freude, Frieden und Weisheit – in sein eigenes Bild. Gottes Zorn heilt und zerstört fortlaufende Sünde. Weil er uns liebt, ist er zornig über unsere selbstzerstörerische Sündhaftigkeit; unser wachsender Glaube und Gehorsam ist seine Herrlichkeit und unsere Freude. Gottes liebender Zorn zu unserem Vorteil baut den Glauben auf und erhält ihn: er versichert uns, dass er sowohl in uns als auch um uns herum arbeitet, um uns vom innewohnenden Bösen zu befreien. [8] In der neuen Geburt und Heiligung wirkt Gottes zerstörerische Macht in uns gegen das, was in uns nicht richtig ist. Er ist für uns, macht uns neu, lehrt uns zuzuhören, erneuert uns wie Jesus. In täglichen Wirken der Liebe erfahren wir, dass Gottes Zorn FÜR uns ist. Als Antwort arbeiten wir tatkräftig mit und gehorchen.

Drittens wird Gottes Zorn Sie in Liebe vom Schmerz der Sünden anderer befreien. Sein Zorn über die Sünde drückt sich wiederum zu Ihrem Wohlergehen aus. Er verspricht, alles Leiden zu beenden, das aus der Sündhaftigkeit anderer resultiert. [9] Gott hasst die Art, wie Menschen andere Menschen verletzen. In unerschütterlicher Liebe erlöst er uns von unseren Feinden; am letzten Tag werden alle Gründe für Schmerz für immer zerstört sein. Zu selben Zeit sagt die Bibel klar, dass diejenigen, die sich gegen Gott stellen und sein Volk aus irgendeinem Grund verletzen, unwissentlich seine Ausführenden bei der Heiligung sind. Sie handeln aus ihren eigenen sündhaften Beweggründen heraus, erfüllen aber trotzdem für immer Gottes Absichten, wenn er uns durch Leiden prüft und umgestaltet. Sie sind Ausführende von Gottes liebender Disziplin an seinem Volk, und wir lernen Geduld, Glaube, Feindesliebe, Mut und jede andere gute Frucht, die nur in harten Zeiten gelernt werden kann. Noch sind sie unter dem Zorn wegen all der Bosheit, mit der sie das tun, was sie tun. [10] Gottes Zorn bestraft und zerstört seine Feinde – weil er seine Kinder liebt und in unserer Erlösung vom Leiden verherrlicht wird. So leiden wir unter Schmerzen, weil das Schmerzvolle immer noch schmerzvoll ist; aber wir leiden auch in Hoffnung, weil wir wissen, was kommt. [11] Weil er uns liebt, ist er zornig mit Menschen, die uns verletzen wollen: unser Seligkeit ist seine Herrlichkeit und unsere Freude. Gottes liebender Zorn zu unseren Gunsten erhält und stärkt unseren Glauben. Gottes geliebte Kinder hoffen und vertrauen, dass bei der Wiederkunft Christi sein Zorn alles wieder zurecht bringen wird. [12] In dieser Vorfreude leiden wir und warten wir ungeduldig.

Gott drückt seine Liebe zu seinem Volk durch jede dieser drei Arten aus. Er drückt seinen Zorn über das Unrecht aus. Gottes liebender Zorn löst das ganze Problem des Bösen in einer Art, die ihm unaussprechliche Herrlichkeit und uns unaussprechlichen Segen bringt: er verdammt gerechterweise das Böse, indem er die Macht des verbleibenden Bösen zerstört und Erlösung vom Leiden bringt. Zahlreiche Psalmen verbinden die unerschütterliche Liebe und Gnade des Herrn mit seinem liebenden Zorn, durch den er seine Kinder sowohl von ihren eigenen Sünden als auch von den Sünden derer befreit, von denen sie verletzt werden. [13] “Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?” (Röm. 8:31).

Es ist wichtig, angemessene Unterschiede zu machen. Der Zorn Gottes wurde zur Hoffnung für seine Kinder, obwohl er für seine Feinde Anlass zur Hoffnungslosigkeit ist. Aber jene Feinde, die bereit sind, die umwerfende Nachricht zu glauben, dass dieser Zorn durch Jesus Christus in Herrlichkeit umgewandelt wird, werden zu Freunden verändert. Die Wahrheit ist, dass Sie Gottes Liebe nicht verstehen können, wenn Sie seinen Zorn nicht verstehen. Dies ist einfach die Botschaft der Psalmen, der Königsweg ins Herz einer erlösten Menschheit mit ihrer andererseits unerklärlichen Verflechtung von Freude und Sorge, Hoffnung und Qual, Vertrauen und Angst, Zufriedenheit und Zorn. Sie können Gottes Liebe nicht verstehen, wenn Sie seinen Zorn nicht verstehen. Dies ist einfach die Botschaft des Römerbriefes, der Königsweg in das Herz Gottes: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!... Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen“ (Röm. 11:33, 36).

Nähern wir uns der Eröffnungsfrage aus einem anderen Blickwinkel. Wer ist die zornigste Person der Bibel? Satan. Auch sein Zorn geht nicht vorüber. Er hat einen „großen Zorn“, und er ist „ein Mörder von Anbeginn“ sogar bis heute. [14] Satans Zorn entspringt der Bosheit und dem Wunsch Menschen zu schaden. Sein Zorn, das Musterbeispiel für allen sündigen Zorn, ist das genaue Gegenteil von Gottes Zorn. Satans Feindseligkeit zielt darauf ab, Unrecht zu tun, um sein eigenes Verlangen zu befriedigen. Dies sagt uns einige sehr wichtige Dinge. Zorn kann total unrecht, schlecht, unangemessen und hässlich sein, eine total zerstörerische Antwort. Solcher Zorn fasst das Wesentlichste des Bösen zusammen: „Ich gehe meinen eigenen Weg und nicht den Weg Gottes, und weil ich meinen eigenen Weg nicht gehen kann, werde ich rasend.”

Es ist merkwürdig und oftmals verwirrend, dass dasselbe Wort “Zorn” sowohl von den schönsten als auch von den abscheulichsten Gefühlen und Handlungen spricht. Machen Sie angemessene Unterschiede, denn diejenigen, die Sie seelsorgerlich beraten, sind in der Regel über den Zorn genauso verwirrt wie über die Liebe. [15] Sündhafter Zorn lehnt sich gegen Gott auf und verletzt; göttlicher Zorn liebt, erhebt Gott und tut den Menschen Gutes.

In der Bibel geht es um Zorn. Im allerersten Wortwechsel nach dem Sündenfall machte Adam sowohl Eva als auch Gott für das verantwortlich, was er getan hatte. Die Weitergabe des Schwarzen Peters kann fast emotionslos ablaufen, aber die Themen des sündhaften Zorns zeigen sich sogleich: die Anklage anderer Menschen, die Haltung vermeintlicher Überlegenheit und Unschuld. Und nur ein Kapitel weiter bricht der Zorn sich mit Emotionen und Gewaltausbrüchen Bahn. „Kain wurde sehr zornig“; sein Gesichtsausdruck wurde grimmig und unzufrieden; er tötete seinen Bruder (Gen.4:5). Die logische Folge von sündhaftem Zorn wir danach in der Geschichte von Noah erzählt: „Aber die Erde war verderbt vor Gottes Augen und voller Frevel“ (Gen. 6:11).

Die Heilige Schrift berichtet viele Dinge über den Zorn. Zorn kann zum Beispiel fälschlicherweise aufkommen. In Genesis 39 brannte Potiphars Zorn bei dem Gedanken, dass Joseph mit seiner Frau herumgeschäkert haben könnte. Und Zorn kann sich selbst mit Unschuld maskieren. Potiphars Frau war ebenfalls zornig: beherrscht, hinterlistig, manipulativ, rachsüchtig. Sie spielte das Opfer, um einen unschuldigen Mann zu zerstören, der ihr Verlangen zurückgewiesen hatte. Dieselbe Person kann sowohl gerechten als auch sündhaften Zorn ausdrücken. Als der Zorn des Moses über den Anbetern des goldenen Kalbs entbrannte, brannte er im Bilde Gottes. Der Zorn gab ihm die Kraft, das Problem wieder gut zu machen. Aber als Moses das Volk verfluchte und den Fels zerschmetterte, brannte er im Bild der Sünde. [16] Der Zorn gab ihm die Kraft, den Gott der Gnade zu entehren. [17]

Gott spricht seine Gedanken über den Zorn oftmals in Satzform aus. Er widmet das sechste Gebot „Du sollst nicht töten“ der Familie der göttlichen Reaktionen, das sündhaften Zorn beinhaltet. Der Kommentar Jesu zu diesem Gebot (Mt. 5:21 f.) erweiterte den Bereich seiner Bedeutung auf Standpunkte und Worte. Der Herr sprach zuerst das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ in einem Kontext (Levitikus 19:14-18), der die Liebe Dingen gegenüberstellt, die mit dem sündhaften Zorn zusammenhängen: absichtliches Verletzen hilfloser Menschen, ungerechtes Urteilen, falsches Zeugnis und Diffamierung, Zufügen körperlichen Schadens, innerer Hass, Rache und Groll. Interessanterweise definiert derselbe Vers die Liebe in Begriffen, die mit gerechtem Zorn zu tun haben: ein klarer, liebender Verweis entsteht aus der Sorge um das Wohlergehen anderer Menschen. Weisheit, die geduldig erworbene Gabe Gottes, kommentiert häufig den Zorn: die Weisen und die Törichten unterscheiden sich dadurch, wie sie zornig werden. [18] Und die Botschafter Jesu sprachen oft Worte des Zorns aus. Variationen dieses Themas bilden die Hälfte der Liste des Paulus der charakteristischen Taten des sündigen Fleisches: „Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zornesausbrüche, Zankereien, Meinungsverschiedenheiten, Spaltungen.“ Jeder Aspekt der Frucht des Geistes ist das ausdrückliche Gegenteil des sündhaften Zorns. [19]

Sowohl durch das Gebot als auch durch das Beispiel erleuchtet uns die Bibel über den Zorn mit der Absicht, uns zu ändern. Die Motive für sündhaften Zorn werden in der Schrift enthüllt: besondere Sehnsüchte und Unglauben. Warum murrten die Israeliten mehrmals in der Wüste? Die Bibel lässt uns darüber nicht im Zweifel. Sie bekamen nicht, was sie wollten, und sie glaubten nicht, dass Gott gut, mächtig und weise war. Diese Passagen des Murrens in Exodus und Numeri beschreiben auch, wie spezifisch die Motive des Zorns waren, und wie die Motive des Herzens an die Einzelheiten der Situation gebunden waren. Als das Essen langweilig wurde, flehte das Volk um Gurken, Melonen, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch. Als Moses als Sprecher Gottes agierte, wollten Miriam und Aaron auch etwas zu sagen haben. Als sie von Feinden bedroht wurden, fürchtete sich das Volk zu Tode und glaubte nicht, dass Gott ihnen helfen würde. Als das Wasser nicht zur Verfügung stand, flehte das Volk um bewässertes Getreide, Feigen, Trauben, Granatäpfel und Wasser. [20] Zorn kann grimmig und mörderisch wie Kain sein; Zorn kann emotionsgeladen brennen wie bei Potiphar; Zorn kann mit abgeklärter Boshaftigkeit Pläne schmieden wie seine Frau; Zorn kann grollen und murren und einmünden in Klagen, Unglückseligkeit und Zankerei wie bei den Wüstenwanderern. Aber in allen Fällen läuft der Grund für sündhaften Zorn auf besondere Lügen und Begierden hinaus, die das menschliche Herz regieren. Sie und diejenigen, die Sie seelsorgerlich betreuen, unterscheiden sich nicht voneinander.

Zorn bringt auch verheerende Konsequenzen mit sich. Gott zürnt gerechterweise über unseren sündhaften Zorn. Zum Beispiel kostete der Wutanfall des Moses ihn das gelobte Land (ein weiteres typisches Muster, zornig über zornige Menschen werden, murren über murrende Menschen). Natürlich neigen andere Menschen zu einer Reaktion auf eine zornige Person, die die gesamte unangenehme Situation noch verschlimmert: „Ein zorniger Mann richtet Streit an, und ein Grimmiger tut viel Sünde“ (Sprüche 29:22). Zornige Menschen stiften Entzweiung, entzweiende Menschen sind zornig. Sie werden oftmals Zeuge unmittelbarer Konsequenzen im Leben derjenigen, die Sie seelsorgerlich betreuen: ängstliche Kinder, ein verbitterter Ehepartner, zerstörte Freundschaften, gesundheitliche Probleme, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Entfremdung von der Gemeinde. Schwierigkeiten folgen den Schritten einer zornigen Person: „Großer Grimm muss Strafe leiden; denn willst du ihn steuern, so wird er noch größer“ (Sprüche 19:19).

Zorn nährt sich selbst und wächst. Saul war gewohnheitsmäßig ein eigenwilliger Mann. Unter seiner Oberfläche schäumte seine Veranlagung zum Grübeln. Davids wunderschönes Harfenspiel und seine verblüffenden Handlungen gnädiger Zurückhaltung beschwichtigten Saul provisorisch, aber dann explodierte er wieder. Die Bibel ist voller Beispiele des Zorns in seinen zahlreichen Ausdrucksformen, Ursachen und verschiedenen Auswirkungen. Jonah, Jezebel, Nabal und die Pharisäer zeigen nur einige wenige der Leben, die von dieser mächtigen und meist typisch bösen Eigenschaft ergriffen waren. In jeder Liste typischer Sünden – und es gibt keine Versuchung, die nicht allen gemeinsam ist – sticht der Zorn hervor.

Gott sei Dank geht es in der Bibel auch um das Evangelium, das zornigen Menschen vergibt und sie verändert. Das Buch der Sprüche, der Epheserbrief und der Jakobusbrief sind nur ein paar der Bücher, die den Zorn analysieren, um davon zu befreien und ihn zu verwandeln. Gott hält niemals einen Spiegel hoch, ohne nicht auch eine Lampe hinzuhalten. Er spricht zu zornigen Menschen vollkommen und häufig über seine Gnade. Er spricht vollkommen und häufig über die Alternative zu sündhaftem Zorn: Vertrauen, Vergebung, Geduld, Zufriedenheit, Streben nach Gerechtigkeit, göttliche Gegenüberstellung, alle verschiedenen Strategien und Haltungen zum Friedenstiften, Selbstkontrolle und Selbsterkenntnis. Gerechter Zorn ist eine exzellente und konstruktive Sache. Moses, Samson, David und Paul wie Jesus brannten bei Gelegenheit vor der seltensten Art der Gerechtigkeit.

Gott verströmt in seiner Barmherzigkeit seine Freundlichkeit an Menschen, die „…versklavt waren unter mancherlei Begierden und Gelüsten, und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander“ (Titus 3:3). Was will die Barmherzigkeit vollenden? Barmherzigkeit erschafft weise, selbstkontrollierte, liebende Menschen, die in der Lage sind, aufzustehen und in dieser Welt der Feindseligkeit etwas Gutes zu tun (Titus 2:11-3:8). Jedes Element in der Definition der Liebe in 1. Korinther 13 ist das ausgesprochene Gegenteil des sündhaften Zorns. Sich zu verändern und sowohl die Gnade als auch den gerechten Zorn zu lernen, muss man ins Herz des Lichts eintreten. Von unserer Natur her zetteln wir alle gern einen Krieg an; selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Zorn bietet eine unglaubliche Möglichkeit der Seelsorge. Die Probleme sind so klar. Im Zorn liegt das menschliche Herz offen ausgebreitet vor Ihnen ohne die Möglichkeit, etwas zu verbergen. Die Lebensläufe der Ratsuchenden sind oftmals verworren; ein Problem kompliziert das nächste Problem und die Schwierigkeiten türmen sich immer höher auf. Wo wollen Sie beginnen? In vielen Fällen ist Zorn eine gute Möglichkeit, um anzufangen. Das Verhalten ist oftmals für alle sichtbar: der Klang der Stimme, die schneidende Stimme beim Sprechen, das Aufblitzen in den Augen, der Ausdruck der Empörung. Seine Anwesenheit ist leicht zu erkennen: Murren, Jammern, Feindseligkeit, eine Einstellung des Richtens, Bitterkeit, Groll, negative Grundhaltung, Hass, Zankerei, Verärgerung, Manipulation und Nötigung. Die Motive sind in der Regel nicht schwer auszumachen: ein Mosaik aus sehr verschiedenen Verlangen, Ängsten, falschen Glaubenseinstellungen und Ansprüchen. Die Auswirkungen sind offenkundig schlecht: zerbrochene Beziehungen, Gesundheitsprobleme und Qualen. Das Wort Gottes greift umgehend in so vielerlei Weise: es bringt Selbsterkenntnis, Überführung, Gnade, Hoffnung, konstruktive Alternativen, materielle Hilfe. Kein Wunder, dass die Bibel so viel Zeit darauf verwendet, über den Zorn und die Alternativen zu sprechen!

Und kein Wunder, dass es so wichtig ist, dass wir die Botschaften der Bibel über den Zorn verstehen. Große Dinge stehen auf dem Spiel. Einerseits weist die Familie von Unzufriedenheit, Zorn, Hass und Gewalt die typischsten menschlichen Sünden auf. Wir alle erfahren sündhaften Zorn und wir alle benötigen Hilfe. Andererseits drückt Gott seine Barmherzigkeit und Gnade durch seinen gerechten Zorn aus. Was wir benötigen, gibt er frei, indem er sich selbst zu unserem Wohlergehen offenbart.

2. Zorn ist etwas, das Sie tun

Zorn ist etwas, das Sie mit ALLEM, was Sie als Person sind, TUN. Das richtige Verständnis hiervon hilft Ihnen, die Halbwahrheiten zu durchschauen, mit der uns unsere Kultur über den Zorn belügt. [21] Jeder Teil der menschlichen Natur ist beteiligt. Zorn bezieht Ihren Körper mit ein. Er besitzt eine ausgeprägte physiologische Komponente: das gerötete Gesicht, der Adrenalinstoß, die angespannten Muskeln, der aufgewühlte Magen, die nervöse Anspannung. Interessanterweise verwendet die Bibel bei der Beschreibung von Zorn lebendige, körperliche bildliche Ausdrücke. Die beiden wichtigsten Wörter für Zorn im Alten Testament stehen für „Nasenlöcher“ und „brennend“. Sollten Sie je eine wirklich zornige Person zu Gesicht bekommen haben, werden Ihnen die flatternden Nasenlöcher aufgefallen sein. Die Atmung wird laut und unregelmäßig, das Blut fließt durch die Kapillaren und erhitzt die Haut. In ähnlicher Weise haben die griechischen Wörter für Zorn die Bedeutung von dampfen oder rauchen“ und „geschwollen“, wobei sie die Empfindung von Hitze und das offenkundige Anschwellen des Gesichtes und der Augen ausdrücken. Es ist kein Zufall, dass viele unserer Ausdrucksformen für Zorn aus physiologischen Auswirkungen stammen: „Mir platzt der Kragen“, „vor Wut kochen“, „Feuer speien“, „explosiv“, „rot sehen“, „heißblütig“, „allmählich wütend werden“. Der Zorn ist unverkennbar physiologisch, was seine Glaubwürdigkeit bei medizinischen Theorien erlangt, die ihn im Grunde physiologisch ansehen und der folglich auch durch Medikamente gelindert werden kann. Natürlich registrieren unsere Hormone, der Blutfluss, die Muskeln und der Gesichtsausdruck den Zorn. Aber das ist noch nicht alles. Aus biblischer Sicht praktiziert die ganze Person den Zorn.

Wenn jemand sagt: “Ich bin zornig”, denken wir in der Regel zuerst an Gefühle. Und Zorn ist ein heftiger Gefühlsausbruch. Die Menschen fühlen sich zornig. Ihr emotionales Gleichgewicht ist durcheinander geraten. Die Stufen der Intensität variieren natürlich gewaltig. Die emotionale Richter-Skala kann von schwacher Reizbarkeit bis zur blinden Raserei reichen. Sie müssen keinen Krach schlagen und aufbrausen, um ein Problem mit sündhaftem Zorn zu haben. Missmut, die bissige Bemerkung, schmollendes Selbstmitleid und die kritische Einstellung zählen alle dazu. Seltsamerweise scheinen sich einige der am meisten beängstigenden Formen des Zorns beinahe jenseits der Gefühle zu befinden. Sie sind eher eisig als heiß. Ich werde niemals ein Gespräch vergessen, das ich vor einigen Jahren mit einem sechzehnjährigen Mädchen führte. Sie schien auf ihre Eltern zornig zu sein. Als ich sie danach fragte, sah sie mich mit kalten Augen an, die Sie auf den Verbrecherfotos professioneller Mörder sehen können. Sie antwortete mit ausdrucksloser Stimme: „Ich werde nicht zornig, ich werde ruhig.“ Eine große Bandbreite emotioneller Farben drückt Unzufriedenheit und Feindseligkeit aus, und Sie begegnen ihnen allen in der Seelsorge. Aber viele Menschen wollen den Zorn nur als ein Gefühl betrachten und obendrein vielleicht als ein gottgegebenes Gefühl. Warum den Zorn jetzt noch auf die Physiologie oder Gefühle begrenzen, wo er doch eindeutig mehr ist?

Zorn ist auch in Gedanken, geistigen Worten und Bildern, Einstellungen und Urteilen enthalten. Er bezieht die Vernunft, die Vorstellungskraft, das Gedächtnis, das Bewusstsein, jede innere Kraft, mit ein. Selbst wenn es nicht zu Worten oder Handlungen kommt, denkt die zornige Person heftig nach. „Du bist dumm. Das ist nicht gerecht. Ich kann nicht glauben, dass sie mir das angetan hat.“ Die interne Videokamera wiederholt ständig Clips des Geschehenen oder schreibt imaginäre Szenen einer gewalttätigen Vergeltung auf, die sie immer wieder durchspielt. Das gesamte Strafrechtssystem – mit Ausnahme eines Rechtsanwaltes zur Verteidigung des Angeklagten – spielt sich im Gerichtssaal des Geistes ab: der Ermittler, der Staatsanwalt, die Zeugen, der Richter, die Geschworenen, der Gefängniswärter und der Henker. Dieses scharf urteilende Verhalten ist in der Natur des Zorns festgeschrieben. Es ist eine Geisteshaltung des Richtens, der Verdammung und des Missfallens gegenüber Personen oder Dingen. Worte und Handlungen werden gedacht und geplant, egal, ob sie jemals gesagt oder getan werden.

Zorn kommt nicht nur in Gedanken vor, er bricht auch im Verhalten hervor. Ich kenne ein Ehepaar, bei denen ein gewalttätiger Streit in einer Schießerei gipfelte, er oben auf der Treppe, sie unten am Fuß der Treppe. So etwas habe ich nie getan. Aber ich äußerte meine Verärgerung über meine Frau in kalter Weise, wenn ich meine Nase einen Zoll tiefer in ein Magazin vergrub, wenn sie eine Bemerkung fallen ließ, die ich nicht mochte. Zorn macht gewisse Dinge. Er zeigt sich in anklagenden oder sarkastischen Worten, Flüchen, Übertreibungen, Gebärden, Schlägen, empörten Seufzern, Verlassen des Raumes, Anschwellen der Lautstärke, Bedrohungen und finsteren Blicken. Sie praktizieren Zorn mit allem, was Sie sind.

Und die Handlung verdichtet sich. Zorn steht, wie andere Sünden, selten allein da. Er ist oftmals tief mit anderen persönlichen Problemen verwoben. Zorn und Angst sind oft enge Verwandte. Ich habe erlebt, wie eine Mutter in Raserei auf ihr junges Kind einschrie, das nach einem Unfall auf dem Spielplatz am Boden lag und weinte. Sie hat Angst; sie brüllt anstatt zu trösten. Einige Theorien über den Zorn versuchen, ihn der Angst untergeordnet zu betrachten, aber das ist mit Sicherheit falsch. Wenn Dinge nicht wie gewünscht laufen, fühlen sich alle Sünder wie ein Waschbär, der in die Ecke der Garage gedrängt wird: kämpfen oder fliehen, abhängig von den Chancen, existieren Zorn und Angst nebeneinander. Zorn kompliziert viele andere Probleme. Drogenmissbrauch kann auf verschiedene Arten mit Zorn in Verbindung stehen. Eine Freundin unserer Familie sagte einmal über ihren Ehemann: „Er trinkt, um bei seinen Wutausbrüchen die Selbstkontrolle zu behalten.“ Wenn er nicht trinken würde, würde er in zunehmendem Maße feindselig gegen sie, seinen Chef und die Welt. Jahrzehntelanger Groll würde ihn quälen. Wenn er trank, wurde er sanfter und fühlte sich besser. Alkohol diente als Medizin gegen seine Raserei. Hier ist ein anderes Muster. Eine Frau trank, um ihren Zorn gegen ihre sittenstrengen Eltern auszuleben. Indem sie jeden in Verlegenheit brachte und schließlich in der Gosse landete, diente ihr dies als eine Form der Rache.

Sexuelle Unmoral kann mit Zorn verbunden sein. Ein unverheirateter Mann bezeichnete seinen Gebrauch der Pornografie als einen „gefühlsmäßigen Wutanfall gegen Gott, da er mir keine Frau gegeben hat.“ Viele Fälle von Ehebruch ereignen sich, um einen Ausgleich zu erzielen. Selbstmord kann dasselbe ausdrücken: „Du hast mich so schwer verletzt, und ich habe keine andere Möglichkeit, mich zu rächen, aber du fühlst dich sicherlich schlecht, nachdem ich mich umgebracht habe, und du musst mit dem leben, was du mir angetan hast.“ Zorn für sich selbst genommen ist ein allgemeines Phänomen: „Ich kann nicht glauben, so etwas Dummes getan zu haben. Wenn ich hübscher wäre, reich, intelligent und brillant in der Konversation; aber ich bin eben nur ein hässlicher, armer, dummer Langweiler.“ Selbstbeschuldigung, Selbstanklage, sogar Selbstquälerei (Zigaretten auf der Haut ausdrücken, den Kopf gegen die Wand schlagen usw.) können die hoffnungslose, selbsthassende Raserei als ein Gefühl des Versagens ausdrücken.

Soweit haben wir den sündhaften Zorn vor allem als ein persönliches Problem beschrieben. Aber Zorn spielt sich in der Regel zwischen mehreren Personen ab. Zorn verfolgt eine Absicht, ein Ziel. [22] Zorn ist offensichtlich ein zentrales Merkmal zwischenmenschlicher Konflikte, wo immer sie auftauchen: Hochzeiten, Familien, Gemeinden, Arbeitsplätze, Nachbarschaften, Nationen. Er ist eine zwischenmenschliche Strategie, ein soziales und politisches Ereignis. Ein Krieg hat sowohl seine offensiven und defensiven Strategien. Wie kleinkarierte, unbedeutende Barone schießen Menschen Pfeile böswilliger Anschuldigungen und errichten Schlossmauern aus gekränkter Selbstgerechtigkeit, Angst und Verletzungen. Hier übernimmt der Zorn sowohl die militärische als auch die richterliche Rolle. Er ist eine ideale Waffe, um das zu bekommen, was sie wollen. Zorn erpresst, schüchtert ein und manipuliert. Sie werden Familien seelsorgerlich beraten, die in der Beziehung zu einem explosiven Mitglied „wie auf Eiern gehen“ oder sich „in die Fuchslöcher beim ankommenden Feuer verkriechen“.

Es ist kein Wunder, dass Zorn auch eine Rolle in der grundlegendsten Beziehung zwischen zwei Personen überhaupt spielt: mit Gott. Viele Menschen sind auf Gott zornig. Sie behandeln ihn auf die gleiche Art, wie sie andere Menschen behandeln – diese Beobachtung werden Sie auf dem langen Weg in der Seelsorge immer wieder machen. Die Israeliten murrten ohne Unterschied, und sie klagten sowohl Moses als auch den Herrn an. Gott wird häufig zum Ziel menschlichen Spotts, Flüche, Bitterkeit und absichtlicher falscher Darstellung. Als der Sohn Gottes über die Erde ging, wollten die Menschen ihn zu fassen bekommen. Oftmals werden Sie Menschen seelsorgerlich beraten, die Gott durch die Brille des anklagenden Zorns ansehen: als wenn Gott in Wahrheit der Teufel wäre, ein Spielverderber von böswilliger Natur, legalistisch, grausam, weit entfernt, der sich nicht kümmert. Das ist kein Wunder. Falls ich glaube, dass Gott existiert, um mir zu geben, was ich will, werde ich wütend, wenn er es mir nicht gibt. Wenn man es tatsächlich von dem Standpunkt aus betrachtet, was das menschliche Herz motiviert, hat aller sündhafter Zorn einen direkten Bezug zu Gott. Wenn ich die Hitze und Luftfeuchtigkeit verfluche, bestürme ich Gott auf drei Wegen. Erstens verlasse ich ihn, die Quelle des Lebens und verhalte mich so, als existierte er nicht. Zweitens handele ich so, als wäre ich an der Stelle Gottes und erhebe meinen Willen zum Wohlergehen in den höchsten Rang meines Universums. Drittens murre ich gegen ihn, indem ich stillschweigend den wahren Urheber des „schlechten“ Wetters kritisiere, das mir missfällt.

Zorn drückt sich körperlich, emotional, geistig und im Verhalten aus. Er ist mit vielen anderen Problemen verwoben. Er läuft zweifellos zwischen mehreren Personen ab, sowohl zwischen Menschen untereinander als auch zwischen Menschen und Gott. Kurz, Sie PRAKTIZIEREN den Zorn mit allem, was Sie sind. Aber wo kommt das her?

3. Zorn ist natürlich

Zorn ist eine gegebene Tatsache; er ist für Menschen auf zwei verschiedene Arten natürlich. Er ist natürlich, weil wir nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden; er ist natürlich, weil wir in Sünde gefallen sind. Gott schuf uns in nichts weniger als sein Ebenbild mit der Fähigkeit zum Zorn. Er nannte es sehr gut. Tatsächlich hätten Adam und Eva schrecklich zornig werden sollen, als die Schlange sie über das Leben und den Tod und über Gott und seine Weisheit belog. Sie hätten mit starken Gefühlen, klaren Argumenten und Gewalttätigkeiten reagieren sollen. Sie hätten sich diesen Lügen stellen, Steine aufnehmen und die Schlange töten sollen. Zorn ist eine gute Sache, die der menschlichen Natur gegeben wurde.

Als Menschen, die nach dem Bilde Gottes erschaffen und wieder erschaffen wurden, sind wir fest mit der Fähigkeit zu ungerechtem Zorn verdrahtet, als Ausdruck der Liebe sowohl zu Gott als auch zu denen, die durch das Unrecht verletzt wurden. Und als Sünder, die selbst Gnade anstatt von Zorn empfingen, besitzen wir andererseits die unerklärliche Fähigkeit, gleichzeitig das Unrecht zu hassen und diejenigen zu lieben, die das Unrecht tun: „…anderer erbarmt euch in Furcht und hasst auch das Gewand, das befleckt ist vom Fleisch“ (Judas 23). In der Seelsorge werden Sie Ehebruch begegnen, oder Gewalt gegen Schwache oder unbarmherzigen Worten, Sie werden Schmerz und Abscheu über die Taten und deren Auswirkungen auf andere Menschen empfinden. Und dennoch werden Sie zugleich großzügig Gnade den Tätern solcher Bösartigkeiten geben.

Andere Begleiterscheinungen gibt es in der Seelsorge reichlich. Wir müssen uns zum Beispiel daran erinnern, dass Gottes Schöpfung unterschiedlich ist; es sind nicht alle Menschen gleich. Wir sollten nicht überrascht sein, dass manche Menschen von Geburt an mehr zur Gerechtigkeit oder mehr zu energischen Gefühlsausbrüchen als andere neigen. Unter meinen drei Kindern zeigten sich beinahe schon vom Tag ihrer Geburt Unterschiede im Temperament: verschiedene Fähigkeiten der emotionalen Reaktion, der Reaktion auf Ungerechtigkeit, dem Urteilen über Ereignisse. Gottes Umgangsweisen mit Zorn (und anderen Problemen) heben die menschliche Verschiedenartigkeit nicht auf; er wirkt in ihnen.

Zorn ist also aufgrund der Schöpfung natürlich. Aber seit dem Sündenfall ist auch der sündhafte Zorn eine gegebene Tatsache. Da wir als Menschen auch in das Bild eines unheiligen Anklägers verkommen sind, sind wir auch fest mit Groll und Hass verdrahtet. Und in einer gefallen Welt ist menschlicher Zorn derart gestört, dass Jakobus eine überwältigende Anklage hervorbringt: „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist“ (Jak. 1:20). Nur ein Dummkopf würde nicht zweimal überlegen, bevor er zornig wird, aber wir spielen ohne weiteres den Dummkopf. Sogar gerechterweise aufkommender Zorn entartet leicht zur Selbstgerechtigkeit, Tratscherei, Selbstmitleid, Rache, Zynismus und gnadenloser Anklage.

Unsere Fähigkeit zu sündhaftem Zorn zeigt sich früh: niemand muss einem Kind beibringen, wie man einen Wutanfall bekommt. Als sich eine unserer Töchter zum ersten Mal auf den Boden warf, mit den Füßen stampfte und wie wahnsinnig schrie, sahen meine Frau und ich uns verblüfft an. Unsere Tochter hatte niemals zuvor jemanden so etwas tun sehen, zumindest wussten wir nichts davon. Sie war jung und war mit vielen anderen Kindern noch nicht zusammengekommen. Tatsächlich war sie nie ohne unser Beisein draußen gewesen, mit Ausnahme kurzer Zeiten mit Babysittern, wobei wir bei keinem von denen vermutet hätten, dass sie jenes Verhalten gezeigt hätten, das wir nun miterlebten. Aber da war sie nun und gebärdete sich wie eine Wahnsinnige, weil sie ihren Willen nicht bekam! Es war eine Handlung schöpferischer, nicht erlernter Sünde. Wir müssen uns daran erinnern, dass die totale Verdorbenheit unseren Zorn einschließt, nicht mehr und nicht weniger als alles andere, was uns als Menschen kennzeichnet.

4. Zorn wird erlernt

Zorn wird auch auf zwei verschiedene Arten gelernt. Ersten wird uns Zorn gelehrt und vorgelebt. Wir schauen ihn uns von anderen Menschen zum Guten oder Schlechten ab. Wir lernen, worüber wir zornig werden und wie wir unser Missfallen zeigen. [23]

Verhalten, Arten und Neigungen zu sündhaftem Zorn werden leicht von anderen Menschen übernommen. Viele Kinder, die niemals daran gedacht hatten, einen zornigen Fluch auszustoßen – sie hatten niemals all diese schlechten Worte gehört – sind überrascht, wenn es passiert, nachdem sie eine Woche mit dem Schulbus mitgefahren sind. Der elterliche Schreck macht das Ganze vielleicht schnell zur Gewohnheit. Aber später, wenn sie in einem Studentenwohnheim leben oder ihre erste Arbeitsstelle bei einem Bautrupp, in einer Fabrik oder beim Militär antreten, verwenden sie das berüchtigte Wort mit vier Buchstaben zu allen möglichen Zwecken und Gelegenheiten: „Gib’ mal die verf***** Butter“ lernen sie in der Regel nicht zuhause.

Durch Vorbilder werden zornige und feindselige Flüche zur normalen Art und Weise, auf die kleinste Enttäuschung zu reagieren. Die Bibel sagt aus gutem Grund: „Geselle dich nicht zum Zornigen und halt dich nicht zu einem wütenden Mann; du könntest auf seinen Weg geraten und dich selbst zu Fall bringen“ (Sprüche 22:24 f.). Seelsorger werden nach Begleitern suchen, von denen die zornigen Ratsuchenden gelernt haben, wie und worauf man zornig ist. Ein Elternteil, der ständig das Wetter, den Verkehr oder seinen Ehepartner verdammt, leitet seine Kinder an, es genauso zu tun.

Göttlicher, konstruktiver Zorn wird ebenfalls durch Verhalten, Arten und Neigungen zu gerechtem Zorn erlernt, was jedoch nicht leicht von anderen abgeschaut wird. Nichtsdestoweniger „wird auch der weise, der mit weisen Männern umgeht“ (Sprüche 13:20). Und falls wir mit den weisesten Männern Umgang hatten, die jemals lebten, werden wir lernen, „so zu leben, wie er gelebt hat“ (1. Joh. 2:6).

Viele Einzelheiten des Zorns einer Person mögen von den Eltern, Gleichaltrigen oder ethnischen Gruppen beeinflusst sein. Kulturelle Unterschiede im Ausdruck sündhafter und gerechter Gefühle können ausgeprägt sein. Italienischer und norwegischer Zorn unterscheiden sich charakteristisch drastisch in ihren Ausdrucksformen. [24] Sündhafter Zorn kommt immer „aus dem Herzen“ (Mk. 7:20-23), aber die genaue Form, die der Zorn annimmt, ist oft anerzogen. Seelsorger sollten erwarten, dass gerechter und sündhafter Zorn verschieden aussehen, und sie sollten ihren eigenen, persönlichen Stil nicht den Menschen aufzwingen, die sie beraten.

Zorn wird auch auf eine zweite Weise gelernt. Er wird praktiziert und kann zur „zweiten Natur“, einem gewohnheitsmäßigen Lebensstil, werden. Unsere Muster des Zorns werden charakteristisch. Einige Menschen gehen an die Decke; andere verkriechen sich in ihr Schneckenhaus; andere toben tagelang herum. Bei einigen Leuten wird die Stimme lauter, andere werden still; einige Menschen senden eine Menge Signale aus, dass sie zornig sind, andere bevorzugen die Guerilla-Taktik und schlagen aus dem Nichts zu; einige Menschen benutzen ihren Zorn, um andere einzuschüchtern und zu kontrollieren; andere benutzen den Zorn, um eingeschnappt zu sein und andere Menschen zu meiden. Seelsorger müssen mit der charakteristischen Natur ihrer Schafe vertraut werden. [25]

5. Zorn ist eine moralische Angelegenheit

Zorn ist eigentlich eine moralische Angelegenheit. Ich meine das auf zweifache Weise. Zorn bewertet und wird selbst bewertet. Dies wurde in der vorhergehenden Diskussion verborgen, aber es ist eine Untersuchung wert. Erstens, Zorn bewertet: das heißt, er gewichtet etwas oder jemanden, findet es mangelhaft, falsch oder unangenehm und geht dann zur Handlung über. Zorn bringt uns dazu, das, was wir unangenehm finden, anzugreifen oder schlecht zu machen. Zorn wurde bei einer Gelegenheit gut als das „moralische Gefühl“ beschrieben. Es ist ein in sich geschlossenes, urteilendes System, das auf wahrgenommenes Unrecht mit Nachdruck reagiert. In diesem Artikel habe ich unsere Definition von Zorn typischerweise erweitert, um eine Einstellung des Richtens, Nörgeln, Schuldzuweisung, Hass, Gewalt und ähnliches darin einzuschließen. All diese Dinge sind Urteile gegen wahrgenommenes Unrecht. Woran wir typischerweise beim Wort „Zorn“ denken – eine lautere Stimme, anklagende Worte, emotionale Hitze, feindseliges Verhalten – wird vielleicht am besten als „die emotional aufgerüttelte Form des Richtens gegen wahrgenommenes Unrecht“ definiert.”

In diesem Artikel sind wir mit der grundlegenden Natur des Zorns beschäftigt, nicht mit unterschiedlichen Stufen und Feinheiten. Und die grundlegende Natur ist es, ein moralisches Urteil über etwas zu fällen, über das wir falsch und wichtig denken. Ich sorge mich genug um etwas, dass bewegt wird: die „Regung“ in der Gefühlsregung, das „Motiv“ in der Motivation. Ich werde dazu bewegt, etwas stark zu empfinden und zu handeln. Zorn nimmt in seiner wahren Natur eine moralische Position ein; er richtet.

Zweitens wird Zorn bewertet. Gott richtet unser Richten. Er bewertet jeden einzelnen Fall von Zorn moralisch. Habe ich das Gute und das Böse zutreffend wahrgenommen? Habe ich auf das wahrgenommene Böse in göttlicher Weise reagiert? Falls ich gereizt werde, wenn das Telefon klingelt und mich in meiner Konzentration unterbricht, sodass ich eine Reihe von Kraftausdrücken vor mich hin murmele, erklärt mein Zorn: „Dieser Telefonanruf ist schlecht und muss verdammt werden.“ Gott bewertet mein Kriterium für das Richten und meine Reaktion und findet beides falsch. Falls ich einen Ehebrecher verwünsche und über ihn herziehe, erklärt mein Zorn: „Ehebruch ist falsch und ihm sollte mit Verwünschungen und Tratsch begegnet werden.“ Gott bewertet mein Kriterium für das Richten und findet es richtig; er bewertet mein Kriterium für die Reaktion und findet sie falsch. Falls ich zornig werde, wenn mein Kind seine Mutter verspottet, und ich dies mit nachdrücklichem, aber liebenden Tadel beantworte, erklärt mein Zorn: „Respektlosigkeit ist falsch, und ihm sollte energisch mit Respekt, Ablehnung und Gnade begegnet werden“. Gott bewertet meinen Zorn, sowohl mein Kriterium für das Richten und meine Reaktion und findet sie richtig. Solcher Zorn drückt Liebe sowohl für meine Frau als auch für das Kind aus. Die emotionale Gewalt solch liebenden Zorns bewirkt viele gute Dinge. Sie motiviert mich, einzuschreiten; sie schützt meine Frau; sie führt meinem Kind die Bedeutsamkeit des Unrechts vor Augen; sie zeigt den richtigen Weg auf, um auf die Sünde eines anderen zu antworten.

Im Christentum geht es nicht um stoische Gleichgültigkeit, die über jeglicher gefühlsmäßiger Reaktion steht. [26] Viele Menschen, die sich als selbstbeherrscht bezeichnen, sind in Wahrheit nur unbekümmert und abgestumpft. Sie sündigen durch Unterlassung; sie sind reserviert und nicht hilfsbereit, wo die Göttlichkeit außer Fassung geraten und nach Wegen suchen würde, mit Macht einzugreifen. Doch im Christentum geht es nicht darum, den Gefühlen freien Lauf zu lassen. „Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist, offenbart seine Torheit“ (Sprüche 14:29). Zorn ist nicht neutral. In jedem Fall von Zorn verläuft eine Linie zwischen Weisheit und Dummheit; er ist entweder göttlich oder teuflisch.

Hier wendet sich das biblische Denken direkt gegen unsere Kultur. Unsere Kultur sagt typischerweise: „Zorn ist weder gut noch schlecht, er ist halt so, wie er ist.“ Die Theorie, dass Gefühle neutral seien, wurde zu einem festen Bestandteil der therapeutischen Kultur. Es ist jedoch nicht wahr, dass Zorn so ist, „wie er halt ist.“ Viele Menschen benehmen sich sorglos egozentrisch, nur um „ehrlich“ zu sein oder „um es rauszulassen“. Sie sündigen „auf Bestellung“; sie sind impulsiv und verursachen Schaden, wo Göttlichkeit den Einfluss der Worte überdenken würde. Es ist extrem wichtig, den Unterschied zwischen gerechtem und sündhaftem Zorn zu erkennen, und das ist nicht immer leicht.

Wir müssen unser moralisches Urteil feinabstimmen – „…die durch den Gebrauch geübte Sinne haben und Gutes und Böses unterscheiden können“ (Hebr. 5:14) – um den Unterschied zwischen gerechtem und sündhaftem Zorn nennen zu können. Gott und der Teufel sind jederzeit zornig; auf welcher Seite ist Ihr Zorn? Die Heilige Schrift gibt uns viele Kriterien, durch die Gott uns trainieren will, einen Unterschied zu erkennen. Wir betrachten sieben verschiedene.

Test #1: Werden Sie über die richtigen Dinge zornig?

Zorn reagiert auf das wahrgenommene Unrecht. Haben Sie es richtig wahrgenommen? Dies ist die erste große Unterteilung. Ein Mensch kann über Dinge zornig werden, obwohl er es gar nicht müsste, weil sie nicht seine Sache sind. Menschen entwickeln ihre eigene Erwartungshaltung, ihre eigenen „Gesetze“, ihre eigenen Kriterien für gut und schlecht, und sie reagieren zornig, wenn diese Gesetze gebrochen werden. Jona ist der klassische Fall; er brannte zweimal vor Zorn und Gott protestierte zweimal „Meinst du, dass du mit Recht zürnst?“ (Jona 4). Er hatte das Mitgefühl Gottes für die Menschen und das Verdorren einer schattenspendenden Pflanze als schwerwiegendes Unrecht wahrgenommen. Viel sündhafter Zorn entsteht aus ähnlich falschen Wahrnehmungen. Zum Beispiel erwarte ich zum Abendessen Rinderbraten. Nachdem ich mich gesetzt habe, kommen auf einmal Makkaroni und Käse auf den Tisch. Falls ich gereizt herumnörgele, ist mein Zorn dann neutral? Nein, er ist sündhaft, denn ich habe etwas als schlecht wahrgenommen, das in Wahrheit gut ist und meinen Dank verdient hätte. Viel Zorn erwächst aus Wahrnehmungen, die durch Glaubenshaltungen, Sehnsüchten und Erwartungen verdreht werden, die anstelle von Gott in unseren Herzen regieren.

Eine Freundin kam nach dem Gottesdienst zu mir und sagte: „Ich möchte dich für etwas um Vergebung bitten. Ich bin seit acht Monaten zornig auf dich, und ich habe es für mich behalten und versucht, dir zu vergeben. Aber Gott hat mich überführt, und ich will, dass diese Sache zwischen uns bereinigt wird.“ Ich war dankbar, dass sie die Dinge in Ordnung bringen wollte und dass sie den Mut und die Demut hatte, das Problem anzusprechen. Aber als sie versuchte, einen Vorfall in der Eingangshalle der Gemeinde zu beschreiben, wo ich sie ignoriert und brüskiert hatte, kam ich nicht mehr mit. Worüber sprach sie nur? Ich konnte mich nicht erinnern, ihr jemals irgendetwas getan zu haben. Schließlich setzten wir das Ganze zusammen. Eines Morgens während des Lobpreisgottesdienstes fühlte ich mich auf einmal sehr schlecht. Auf meinem Weg zur Toilette in der Halle ging ich an ihr vorbei, ohne sie wahrzunehmen, kein Hallo oder Gespräch, mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck. Sie hatte all dies als Beleidigung gegen sich aufgefasst. Acht Monate Zorn resultierten aus der Wahrnehmung von etwas Bösem, das gar nicht da war. Ihr Wunsch nach Anerkennung hatte sie bestimmt. Oder besser ausgedrückt, ihr Verlangen nach Anerkennung lag im Widerstreit mit den Wünschen des Geistes in ihr. Von einem vermuteten Freund mit finsterer Mine ignoriert zu werden, ist nicht lustig. Wo Gott regiert, bewegen uns Verletzung und Zorn, Dinge in einer göttlichen Weise zu lösen, indem wir unsere Wahrnehmungen überprüfen. Dies tat sie am Ende wirklich, zum Preis seiner Gnade, und wir haben uns herzlich miteinander versöhnt. Wo jedoch falsche Glaubenshaltungen und Sehnsüchte regieren, bleiben unsere Wahrnehmungen verdreht; wir bleiben in Verletzungen und Zorn gefangen. Bis zu einem gewissen Grad ist das geschehen und hat die Versöhnung viele Monate aufgeschoben. Zorn spiegelt immer die moralischen Standards einer Person, ihrer Definition von Gut und Böse, richtig und falsch wider. Überprüfen Sie sie! [27]

Sie können sehr wohl über etwas zornig sein, das Sie hassen sollten. Sie könnten das Unecht exakt wahrnehmen. Das Unrecht kann sich gegen Sie richten: Härte von Ihrem Ehepartner oder einem Elternteil, Respektlosigkeit von Ihrem Kind, Lügen eines Mitarbeiters, Betrug durch einen Verkäufer, Vergewaltigung durch einen Verwandten. Sie können Böses beobachten, das in der Öffentlichkeit geschieht oder einem anderen Menschen zustößt: Belästigung eines Kindes, verbale Grausamkeit, Propaganda von Homosexuellen und Abtreibungsbefürwortern, Lügen und Manipulation durch einen Fernsehevangelisten, Gräueltaten im Krieg. Zorn ist die angemessene christliche Antwort. Sie wären ein Stein, ein Gefühlsmensch oder ein Stoiker, falls Sie nicht irgendeine Art von Zorn darüber empfänden. Aber an diesem Punkt stoßen wir auf eine andere Unterteilung.

Test #2: Drücken Sie den Zorn in der richtigen Weise aus?

Es ist möglich, das Unrecht im Leben anderer Menschen zutreffend wahrzunehmen und den Zorn doch in einer sündhaften Weise auszudrücken. Jesu Gleichnis vom „Splitter und dem Balken“ handelt von diesem Problem. [28] Bei gerechtem Zorn (wenn Sie Test #1 bestanden haben) ist es oftmals sehr hart, sich an diesem Punkt zusammenzureißen. Die Sache, die „da draußen“ vorgefallen ist, scheint so unrecht zu sein, dass ich gegenüber dem Unrecht, das sich in mir abspielt, blind werde. Die Sünde der Selbstgerechtigkeit ist vor allem Selbstbetrug.

Der beste Maßstab, ob Zorn in seinem Ausdruck richtig oder falsch ist, ist, ob er handelt, um zu verdammen oder um Hilfe anzubieten. Wir sind dazu berufen, unseren Glauben auf die Tatsache zu lenken, „Mein ist die Rache, spricht der Herr. Ich will vergelten“ (Röm. 12:19). Unser Zorn darf nicht strafend sein, um einen Ausgleich zu erhalten. Er ist dazu gedacht, zuerst Gutes zu tun und das offensichtlich den Opfern oder potentiellen Opfern von Unrecht. Und er ist zweitens, nicht so offensichtlich, dazu gedacht, den Tätern des Bösen Gutes zu tun. Zorn motiviert uns zum Eingreifen, um das Böse zu stoppen, die Schwachen zu schützen, sich den Tyrannen entgegen zu stellen (einige von ihnen scheinen in den Seelsorgebüros zu sitzen), zu tadeln, die Widerspenstigen zu warnen und die Menschen vor Gefahr zu warnen. Aber die Triebkraft von Gnade geben und Frieden stiften muss am Ende unseren Zorn durchdringen. Anderenfalls machen wir uns des gnadenlosen Richtens schuldig, indem wir den Splitter im Auge des anderen sehen und selbst Balken in unseren eigenen Augen haben.

Epheser 4:29 ist immer noch wahr: „Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ Die Wahrnehmung falschen Handelns und die Energien des Zorns berechtigen nicht dazu, den ausdrücklichen Befehl zur Seite zu schieben, der aufgeschrieben wurde, um Menschen zu helfen, die mit Missfallen und anderen falschen Handlungsweisen zu tun haben! [29] Selbst wenn (besonders wenn!) es sich hierbei um grobe Sünde oder Häresie handelt, sagt 2. Tim. 2:24-25 immer noch: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, im Lehren geschickt, der Böses ertragen kann und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweist, ob ihnen Gott vielleicht Buße gebe, die Wahrheit zu erkennen.”

Jesus richtete seinen schärfsten Ausfall gegen die religiösen Führer in Jerusalem (Mt. 23). Der Zorn verlieh seinen Worten einen Fokus, eine bestimmte Stelle, einen verstärkenden Einfluss. Aber er zerstörte die Menschen nicht; er half. Jesus sprach, um diejenigen zu retten, die von den Führern in gesetzliche Selbstgerechtigkeit und den Unglauben an Christus, der vor ihnen stand, fehlgeleitet worden waren. Und Jesus sprach, um solche Führer anzuklagen und sie zu warnen, dass sie sich dem Zorn gegenüber sehen: „Wehe euch“. Selbst in dieser extremen Form von Zorn strafte Jesus nicht. Er war nicht streitsüchtig, unfreundlich, unaufrichtig, ungeduldig oder mürrisch. Als er am Kreuz blutete, waren viele Führer - Nikodemus, Joseph von Arimathäa, der Apostel Paulus und andere in seine Fürbitte eingeschlossen: „Vater, vergib’ ihnen.“ und kamen unter das Blut das Lammes, das sie liebte.

Es gibt einen guten Grund, warum die begrenzte strafende Funktion, die Gott dem Menschen gibt – das “Schwert” – in den Händen des Staates zum allgemeinen Wohlergehen liegt. Wenn der „König“, das Gericht, gerecht straft, ist das Ergebnis Gerechtigkeit. Je größer das Unrecht, desto notwendiger wird die Strafe und desto weniger sollte der persönliche Zorn eine Rolle spielen. Wenn persönlicher Zorn auf Strafe abzielt, erfolgt Selbstjustiz und Ungerechtigkeit, und Gott ist verärgert. Lassen Sie sich von dieser Frage bewegen. Vorausgesetzt, Ihr Zorn kommt angemessen auf, drücken Sie ihn konstruktiv aus? Oder ist Ihr Zorn voller Gereiztheit, Selbstgerechtigkeit und ruft er im sündhaften Zorn nach Strafe?

Ich denke an eine dramatische Situation, als mein Zorn sowohl heftig und – sofern ich mich selbst kenne – einfach gerecht war. Dieser Vorfall ereignete sich, als ich als brandneuer Christ in einer psychiatrischen Klinik arbeitete. Einer der Patienten war ein riesiger Koloss von über 1,90 Meter Größe und 130 kg Gewicht mit einer gewalttätigen Vergangenheit. „John“ wartete, bis das ganze Personal zum Mittagessen gegangen war, außer mir (wahrhaftig kein Koloss) und einer Schwester, die etwa 1,50 groß war und 48 kg wog. Zu diesem Zeitpunkt begann er zu toben. Ich hörte den Lärm, als er das Mobiliar im Aufenthaltsraum zerschlug. Als ich aus der Schwesternstation kam, sah ich John auf Kollisionskurs mit mir die Halle hinunter trotten, wobei er einen großen Fernseher über seinem Kopf hielt.

Ich wurde zornig. Sehr zornig. Vielleicht war es verrückt, zornig und nicht ängstlich zu werden, aber Zorn war das, was mir bewusst war. Ich weiß nicht, woher diese donnernde Stimme kam, aber hörte ich mich selbst sagen: „JOHN, LEG’ DAS HIN UND GEH’ IN DEIN ZIMMER!“ Meine Worte waren eindringlich und überzeugend. Ich hatte mit Unrecht zu tun, und meine Antwort hatte Kraft, Befehlsgewalt und Autorität. Der gerechte Zorn zeigte verblüffende Auswirkungen. John hielt an, setzte den Fernseher ab und trottete sanftmütig die Halle hinunter in sein Zimmer zurück.

Im nächsten Moment, ich atmete noch schwer, dachte ich bei mir selbst: “Woher kam das? Danke, Gott.“ Als sich mein Puls beruhigt hatte, folgte ich John die Halle hinunter, um mit ihm zu reden. Wir hatten ein gutes Gespräch. Ich meckerte nicht an ihm herum oder begann zu moralisieren. Er zeigte sich jedoch reumütig. Als ich später über dieses Ereignis nachdachte, wurde mir die Natur des gerechten Zorns klarer. Ich hasste John nicht. Es wäre in der Tat besser zu sagen, dass ich ihn liebte, obwohl ich im Moment offensichtlich keine warme Zuneigung für ihn empfand. Ich hatte ihm etwas wirklich Gutes getan, obwohl ich über sein Unrecht entbrannt war. Ich wollte ihm nichts heimzahlen. Ich hegte keinen Groll gegen ihn. Meine Worte waren nicht strafend. Aggressiv, wie sie waren, wollten sie das Problem lösen, um wieder Frieden herzustellen. Ich erniedrigte John nicht. Ich hatte nicht die Einstellung: „Ich bin heiliger als du.“ Es gab keinen Rest von Bitterkeit. Tatsächlich wurde unsere Beziehung dadurch gestärkt. Der Zorn war nicht unangemessen. Er war angemessen aufgekommen, basierend auf einer zutreffenden Wahrnehmung. Er wurde angemessen ausgedrückt mit der Absicht, für das Wohlergehen des Menschen zu sorgen und Gott die Ehre zu geben.

Gott schenkt uns nicht oft solch heldenhafte Momente. Aber in den unheroischen Momenten begegnen wir den selben Problemen in schwächerer Form. Der dickköpfige Jugendliche? Der mürrische Ehepartner? Der Mitarbeiter, der sich im Ton vergreift? Der Verkehrsstau? Der Ausschuss, der sich in einer erfolglosen Richtung abwendet? Die Unterbrechungen, die nie zum richtigen Zeitpunkt geschehen? Da passiert etwas Unrechtes. Wie werde ich lieben? Werde ich Böses mit Bösem vergelten oder werden meine Worte konstruktiv sein? Ob energisch oder sanft, werden meine Worte denen, die mich hören, die Gnade weitergeben?”

Test #3: Wie lange hält Ihr Zorn an?

Wie sonst können Sie sagen, ob der Zorn göttlich ist? Ein Maßstab ist seine Dauer. Falls Zorn einen Tag, eine Woche, ein Jahrzehnt, ein Leben lang dauert, ist etwas schief gelaufen. Wenn Zorn in Bitterkeit und Feindseligkeit umschlägt, gewinnt der Teufel das Spiel. Wir werden wie unsere Unterdrücker und vergelten Böses mit Bösem. Der Epheserbrief drückt das Prinzip einprägsam aus: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ (4:26). Es doch zu tun, bedeutet zu sündigen, wie uns die erste Hälfte des Verses ganz offen informiert.

Zorn kann sauber und richtig sein. Aber Gott will, dass die Herrlichkeit in denen triumphiert, die er in sein Bild neu geschaffen hat. Es bedeutet nicht, dass wir das Böse nicht hassen werden. Es bedeutet, dass wir das tägliche Gebet, das unsere Not ausdrückt, ernst nehmen: „Vergib’ uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Haben Sie Ihren Zorn überwunden? Oder nagt er an Ihnen? Ist Ihr Verhalten gegenüber anderen Menschen mit Gehässigkeit, Verachtung und Verdammung vergiftet? Wo die Sünde nur kurze Zeit in Ihrem Leben verweilt – einschließlich der vielfältigen Sünden des Zorns – fließt die Gnade ständig in Ihr Leben und macht Sie gnadenvoll gegen andere.

Test #4: Wie kontrolliert ist Ihr Zorn?

Göttlicher Zorn ist gefühlsmäßig durch eine Absicht kontrolliert, die uns von Gott auferlegt wurde. Er steht im Einklang mit den Früchten des Geistes der Selbstbeherrschung, Freundlichkeit und Geduld. Nicht göttlicher Zorn wird von den Impulsen unserer eigenen Herzen gesteuert und gerät außer Kontrolle, wird streng und leicht provoziert. Jay Adams hat es richtig ausgedrückt: „Zorn ist das Gefühl, das von Gott gegeben wurde, um Probleme anzugehen. Die Kräfte des Zorns müssen unter Kontrolle produktiv freigesetzt werden, um ein Problem zu lösen. Zorn muss wie ein gutes Pferd im Zaum gehalten werden.” [30] Wird Ihr Zorn durch eine göttliche Agenda kontrolliert, durch das Vertrauen in Gottes Souveränität, durch die Unterwerfung unter seine Absichten? Oder befindet er sich außerhalb der Kontrolle Gottes, nicht voraussagbar, Selbstjustiz übend, entweder ausfallend oder dumpf vor sich hin brütend? Gibt Ihr Zorn Gnade weiter oder richtet er?

Es ist Gottes Absicht, das wir seine Gnade weitergeben. Ist Ihr Zorn mit Gnade durchsetzt? Sie werden provoziert. Sie können es nicht vermeiden: „Stolpersteine werden mit Sicherheit kommen“ (Lk. 17:1). Wenn Ihr Kind Sie als Eltern verspottet oder Ihnen trotzt, beobachten Sie das Ganze nicht aus sicherer Entfernung. „Oh, das ist interessant. Ich glaube, jetzt höre und sehe ich etwas, das vielleicht in die Kategorie ‚Sünde’ fällt. In der Tat, wenn ich darüber nachdenke, scheinen die Worte nicht mit dem gehorsamen Respekt zu übereinstimmen. Hmm, ich frage mich, wie ich damit umgehe?“ Oh nein! Sie sind dazu geschaffen, emotional zu reagieren. Ein Kind verspottet normalerweise seine Eltern nicht! Dieses Vergehen betätigt mit Recht eine Taste und löst etwas in Ihnen aus. [31] Nun kann der Zorn sündhaft werden, aber er muss es nicht. Er kann gezügelt werden: „Lass’ uns damit umgehen“. Der Zorn setzt Kräfte frei, um das, was falsch gelaufen ist, klar zu benennen, das Kind zu disziplinieren, mit ihm zu reden, es zu trösten und ihm Liebe zu geben. Zorn ist im Falle von Strafe sündhaft und zerstörend, im Falle der Disziplinierung gerecht und liebend.

Bedeutet Selbstbeherrschung, dass Ihr Zorn weniger heftig ist? Das ist eine schwierige Frage, denn die Bibel gibt die Heftigkeit als Kriterium nicht vor. Kühle Verachtung oder sanfte Abscheu können tiefe Ausdrucksformen des Bösen „Urteile gegen wahrgenommenes Böses“ sein. Völkermord – in Wort oder Tat – kann ohne viel Gefühl auftreten, wie das Ausrotten von Ungeziefer oder das Heraustragen des Abfalls. Solch heftigen Formen des Hasses können frei von emotionaler Hitze sein, sind aber zutiefst böse. Die Zurückhaltung solch „überlegener Wesen“ geht einfach über diese unangenehmen Personen oder Standpunkte hinweg, die ihren Test der bedeutenden Existenz nicht bestehen. Im Gegensatz dazu wurde Jesus vom Zorn verzehrt, als er die Geldwechsler aus seinem Tempel trieb (Joh. 2:17). Dann und als er die Pharisäer verurteilte, schien Jesus die Stufe 10 auf der Richterskala der emotionalen Kraft erreicht zu haben. Doch sein Zorn war jederzeit gebändigt durch die Hingabe an Gottes Gnade und das Wohlergehen für Gottes Volk, so wie an dem Tag, wenn der „Zorn des Lammes“ offenbart wird (Offb. 6:16).

Vielleicht ist es richtig zu sagen, dass viel von der Heftigkeit des Zorns stark vermindert wird, wenn er vom Heiligen Geist kontrolliert wird, weil so viel Zorn rücksichtslos, rachsüchtig und fehlgeleitet ist. Gnädige, geduldige und weise Menschen explodieren einfach nicht, während Dummköpfe ihrem Zorn freien Lauf lassen (Sprüche 29:11). Die Demütigen misstrauen sich selbst entsprechend der Richtigkeit ihres Zorns: besteht er die Prüfungen Gottes? In ähnlicher Weise werden viele Gründe für den Zorn verschwinden, weil wir von vielen Dingen, die reizbaren Zorn auslösen, nicht aufgebracht werden. Trotz allem wird es immer Umstände für Zorn geben, und einige dieser Umstände können nach energischen Gefühlen verlangen.

Test #5: Was motiviert Ihren Zorn?

Die Sündhaftigkeit oder Göttlichkeit des Zorns erwächst aus den Motiven. Menschen, die von dem Verlangen nach Gottes Herrlichkeit, ihrer Ähnlichkeit mit Jesus und seinem Willen und dem Wohlergehen anderer motiviert sind, sind auf eine Weise zornig. Menschen, die von den „Begierden des Fleisches“ motiviert werden (Eph. 2:3), von Stolz und falschen Glaubenshaltungen, sind auf eine andere Weise zornig. Die einfachste Frage, um zu erfahren, was dem Zorn zugrunde liegt, ist: „Was willst du wirklich?“ Falls Sie ehrlich sind, werden Sie mit Gottes Hilfe erkennen, ob Sie sich wirklich danach sehnen, gelassen zu werden, oder ob Sie jemanden verletzen wollen, oder nicht belästigt werden wollen, oder jemandem etwas Unrechtes unterstellen wollen, oder Punkte sammeln wollen, oder um anerkannt und geschätzt zu werden, oder um jemanden zu demütigen, oder um zu gewinnen oder um Ihren Willen durchzusetzen. Sie werden von dem bestimmt, was die Bibel mit dem Wort „Selbst“ bezeichnet. Und mit Gottes Hilfe können Sie ebenfalls erkennen, ob Sie wirklich wollen, das der Herr des Lebens in Wort, Tat, Einstellung und Absicht geehrt wird. Die Versammlung der Brüder und Schwestern kann uns dabei helfen, Dinge zu durchblicken, wenn wir für etwas blind sind oder es nicht verstehen können. Seelsorge kann uns helfen, wenn wir uns selbst über unsere Motive täuschen, indem wir etwas Unappetitliches beschönigen, als wäre es Gottes Wille.

Eines der wunderbaren Dinge bei der Seelsorge an zornigen Menschen – und dem Durchschauen Ihres eigenen Zorns – ist, dass die Verbindung zwischen der Wurzel und der Frucht so zugänglich ist. Wie würden Sie zum Beispiel reagieren, wenn ich, nachdem Sie mir eine vernünftige Frage gestellt hätten, ich Ihre Frage als dumm verhöhnte, Ihnen ins Gesicht schlüge und Sie beschimpfte? Sie würden Schmerz, Schreck, Bestürzung, Demütigung, Zorn, vielleicht Angst empfinden. Wohin würde es führen? Gott sei die Ehre, wenn das Empfinden, ungerecht behandelt worden zu sein, Sie dazu motiviert, mir offen gegenüber zu treten, mit einem freundlichen Geist, mit der Absicht, meine törichte Handlung zu prüfen und mich zur Besinnung zu bringen, wobei Sie überzeugt sind, dass ich zuerst die Gnade Gottes benötige und dann Ihre besondere Vergebung. Nach aller Wahrscheinlichkeit wären Sie durch Jesus Christus dazu vor allem anderen motiviert. Falls Sie jedoch bitter werden und über Racheplänen brüten, werden Sie nach aller Wahrscheinlichkeit mehr nach Gerechtigkeit und Respekt hungern und dürsten als nach Rechtschaffenheit. Was, wenn Sie mit der Versuchung zur letztgenannten Reaktion gekämpft haben? Gott sei die Ehre, wenn Sie Ihren Weg von der zweiten zur ersten Reaktion gefunden haben. Dann wird Gott geehrt und gibt seine Gnade im Kampf für die Rechtschaffenheit sowie für die Vollendung der Rechtschaffenheit.

#6: Ist Ihr Zorn vorzüglich und bereit, auf die gewohnheitsmäßigen Sünden einer anderen Person zu reagieren?

Unsere Brüder und Schwestern (lasst die Finger von unseren Feinden!) wiederholen ihre Sünden immer und immer wieder. Jesus sprach von „siebzig mal sieben“ und „sieben mal am Tag“. [32] Wiederholt sich Ihre zornige Reaktion genauso oft? Wiederholte Streitereien – in denen die verbalen Salven immer wieder demselben beschriebenen Muster folgen – zeigen, dass etwas mit Ihrem Zorn nicht in Ordnung ist.

Bei Problemen des täglichen Lebens lässt mein Zorn nicht lange auf sich warten. Die Pumpe ist nicht in dem Zustand, um zu reagieren. Eine falsche Handlung am heutigen Tag führt mich nicht dazu, das Strafregister Ihrer ehemaligen Vergehen herauszuziehen. Ich werde nicht sagen: „Wie oft habe ich dir schon gesagt… Ich habe dir schon tausend Mal gesagt… Andauernd machst du… Niemals machst du… Schon wieder… Ich kann nicht glauben, dass du es schon wieder getan hast.“ Göttlicher Zorn ist ein Teil der Gnade und des Friedenstiftens. Gnade durchbricht den Kreis von Provokation und Reaktion, der so kennzeichnend für ein Leben in einer sündigen Welt ist. Sünden, einschließlich sündhafter Zorn, wiederholen sich in der Regel. Aber göttlicher Zorn beginnt etwas Neues, weil er das Unrecht nicht festhält. Er hält nach dem Wirken Gottes in der anderen Person und in der Situation Ausschau, sowie er gerade an mir arbeitet.

#7: Was bewirkt Ihr Zorn?

Der letzte Weg, um gerechten Zorn von sündhaftem Zorn zu unterscheiden, sind die Auswirkungen. Sündhafter Zorn schafft mehr Probleme. Er kompliziert Sachverhalte. Er verletzt Menschen und drängt sie in die Defensive. Die At, wie Sie ihnen begegnen, bringt sie dazu, sich abzuducken oder sich zu rächen. Ihre Worte sind „faule Worte“ (Eph. 4:29). Dieses Wort wird für verfaultes Fleisch oder Fisch benutzt. Falls jemand Ihre Worte essen müsste – ihren verdammenden und herabsetzenden Inhalt, den Ton Ihrer Stimme – müsste er würgen. Faulige Worte sind schwer zu verdauen. Sündhafter Zorn erzeugt bösartige Kreise. Böses löst immer wieder Böses aus.

Die Menschen könnten sich immer noch abducken oder rächen, wenn sie mit den gerechten, zutreffenden und gnädigen Worten des göttlichen Zorns konfrontiert werden. Aber dann sind Sie nicht der Grund für den Fehltritt; sie werden einfach von der Sündhaftigkeit ihres eigenen Herzens versucht. Gnädige Worte haben einen guten Geschmack. Selbst wenn sie harte Wahrheiten enthalten, atmen sie die hilfreiche Absicht. Göttlicher Zorn ist ein Teil von Problemlösungen. Im Allgemeinen erzeugt gerechter Zorn barmherzige Kreise. Böses löst Gutes aus… Was? Sie können es niemals wissen. Manchmal ist die Sünde derart geisteskrank, dass die Menschen Böses für Ihre guten Taten zurückzahlen. Aber auf lange Sicht überwindet das Gute das Böse. Die Menschen reagieren erstaunlich gut auf die Wahrheit, die in Liebe ausgesprochen wird. Selbst wenn eine Person Sie zunächst abweist, bleibt die Art, wie Sie Dinge getan haben, in ihrem Gedächtnis haften. Er kann die einfache, gute Absicht dessen, was Sie gesagt haben, nicht verleugnen. Er kann die Demut und das Fehlen von Verdammnis in Ihrem Verhalten nicht verleugnen. Sie enttäuschen seinen Versuch, sich selbst zu verteidigen, indem er die Vorwürfe auf Sie zurückschleudert. Sie behandeln ihn nicht in der gleichen Weise, wie er Sie behandelt. Das ist die stärkste Macht auf dem Planeten.

Schauen Sie auf Jesus. Böse Dinge begegneten ihm. Ja, seine Rügen konnten bei Gelegenheit barsch und heftig sein. Er musste so sein, um das Unrecht als das zu zeigen, was es war, um Gottes Ehre zu schützen und um dem Wohlergehen der Armen im Geiste zu dienen, die ihre Hoffnungen auf den Messias setzten. Ja, viele Menschen zahlten ihm seine guten Taten mit Bösem heim. Aber er liebte seine Feinde unmissverständlich. Als wir noch Feinde waren, starb Christus für uns. Sogar in seinem Zorn kam Christus nicht in diese Welt, um sie zu verdammen, sondern um sie zu retten. Er kam, um Übeltäter zu Freunden zu machen. Böses löst Gutes aus.

Göttlicher Zorn muss nicht „gewinnen“. Er muss nicht erfolgreich sein, indem er Übeltäter der Gerechtigkeit zuführt. Seine Absichten sind an der Oberfläche eher bescheiden, aber eher verschwenderisch unter der Oberfläche: die Ehre Gottes und das ewige Wohlergehen von Gottes Volk. Göttlicher Zorn hat gute Auswirkungen auf alle, die damit zu tun haben. Wenn Sie also mit nicht bereutem Bösen konfrontiert werden, wenn Ihre besten Bemühungen keine guten oder anhaltenden Auswirkungen zu haben scheinen, müssen Sie nicht zorniger werden. Sie können stattdessen objektiver und sachlicher werden. Von innen betrachtet wirkt die Gnade, um Ihr Herz weich zu machen. Jesus will, dass Sie für deren Wohlergehen beten, was ihre Reue und die Rückkehr ins Leben einschließt (Lk. 6:28). Äußerlich sind Sie zu anhaltenden, aufrichtigen Handlungen unverdienter Freundlichkeit aufgerufen: „Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken“ (Röm. 12:20). Ebenfalls äußerlich können Sie dazu berufen sein, sich mit anderen in gemeinnützigen Aktivitäten zusammenzuschließen, die tatsächliche Folgen für unrechtes Verhalten nach sich ziehen: Gemeindezucht, zurückhalten von finanzieller Unterstützung, Kündigung einer Arbeitsstelle, eine Räumungsklage, die Polizei benachrichtigen, kriminelle Handlungen, bessere Gesetze erlassen, für neue Leiter stimmen und ähnliches. Solche guten Aktivitäten sind ebenfalls „Urteile gegen wahrgenommenes Unrecht“, aber sie wirken in einer eher sachlichen Art. Sie sind objektive, sachliche Notwendigkeiten. Sie setzten Grenzen bei unseren eher persönlichen Bemühungen, Menschen zu helfen. Als solche sind sie eine große Wohltat und gut. Oftmals ist es eine große Erleichterung für eine Person, die ständig Böses vor Augen hat, zu wissen, dass andere ebenfalls Verantwortung übernehmen, um es wieder in Ordnung zu bringen. Es verringert die Versuchung, Selbstjustiz zu üben.

Zorn ist eine moralische Sache. Aufgrund seiner wahren Natur bewertet er wahrgenommenes Unrecht und versucht, es zu zerstören. Durch Gottes wahre Natur wird unser Zorn immer bewertet.

Diese allgemeinen Aussagen über den Zorn festigen unser Denken. Die Bibel behandelt Zorn mit großem Detailreichtum sowohl mit Beispielen als auch mit Lehrsätzen. Zorn drückt sich körperlich, emotional, geistig und im Verhalten aus. Er ist zweifellos zwischenmenschlich und hat immer etwas mit Gott und oft etwas mit anderen Menschen zu tun. Er ist sowohl natürlich als auch erlernt, zum Guten und zum Schlechten. Er ist eine moralische Sache. Gott gibt uns eine Weltanschauung, mit der wir über den Zorn denken können, und mit der wir mit den verschiedenen Erscheinungsformen des Zorns kämpfen können, denen wir begegnen. Seelsorgeanwendungen wurden auf den vorigen Seiten gezeigt, und der Leser wird wahrscheinlich viele andere Anwendungen heranziehen. In der nächsten Ausgabe betrachten wir eine der wichtigsten Anwendungen in ihren Einzelheiten.

  1. Joh. 3:36; 3:14-21.
  2. B. B. Warfield, “The Emotional Life of Our Lord (Das Gefühlsleben unseres Herrn),” The Person and Work of Christ(Die Person und das Werk Christi) (Philadelphia: Presbyterian & Reformed (Presbyterianisch & reformiert), 1950, S. 93-145), S. 107.
  3. Siehe z. B. Mk. 3:5 und 10:14; Mt. 18:6f und 23:2-36; Joh. 2:14-17.
  4. Hes. 18:29 und 24:14.
  5. Jer. 16:12; Richter 21:25.
  6. Warfield, S. 122.
  7. Ein Werk, das abgeschlossen sein wird, wenn wir Jesus am Tag des Zorns wiederkommen sehen werden. Siehe z. B. Phil. 1:6; 1. Thess. 5:23; 1 Joh. 3:2.
  8. Hebr. 12:5-11.
  9. Offb. 21:4 gipfelt in einem Thema, das sich durch das gesamte Buch zieht, um das bedrückte Volk Gottes zu trösten: der Zorn des Lammes (6:16f) bewirkt Gnade und Leben für das Volk des Lammes (7:16f). Und nun erleben wir teilweise irdische Befreiungen (z. B. die Verheißungen von Psalm 31 und 121 und viele biblische Geschichten). Tatsächlich erlaubt Gott der menschlichen Sünde selten, ihre innewohnende, gewalttätige Logik auszuspielen. Wenn dies passiert (Völkermord, Folter, Abtreibung, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch), lernen sowohl die Opfer als auch diejenigen, die sie lieben, den Tag herbeizusehnen, in denen solche Bösartigkeiten zerstört werden oder sie wie ihre Peiniger werden.
  10. Dies ist ein schweres Thema. Der Teufel spielt seine Rolle durch seinen ganzen Werdegang hindurch. So haben es auch die Babylonier, Judas und jeder andere Unterdrücker der Geschichte getan, die eine Zeit unter der Sonne hatten. Babylon zum Beispiel war ein “goldener Kelch [des Zorns]” und ein “Zerschmetterer“ in der Hand des Herrn, der den gerechten Zorn auf der Bühne der Geschichte aufführt (Jer. 46:10; 51:7; 51:20-23). Fünf Themen überschneiden sich in den Diskussionen über Babylon bei Jesaja, Jeremia und Habakuk. (1) Weil das Volk Gottes gesündigt hatte, brachte Babylon erzieherischen Zorn – wobei es immer einen Rest übrig ließ, dessen Glaube durch die Lasten rein und geläutert war. (2) Wegen des gottlosen menschlichen Hochmutes – „Alle Menschen aber sind Toren mit ihrer Kunst, und alle Goldschmiede stehen beschämt da mit ihren Bildern; denn ihre Götzen sind Trug und haben kein Leben“ (Jer. 51:17) – brachte Babylon den strafenden Zorn über die Nationen in der Dunkelheit. (3) Weil Babylon in Überheblichkeit gesündigt hatte, musste auch sie den Kelch des Zornes trinken. (4) Weil Gott sein Volk liebt, werden sie seine gnädige Erlösung an einem Ort des Friedens erfahren, obschon sie jetzt noch unter Qualen leiden. (5) Weil Gott Segenspläne für alle Menschen hat, erwählte er „in der jüngsten Zeit“ andere Gläubige aus den Nationen, die jetzt in Finsternis versunken sind.
  11. Dieses Thema der Hoffnung in der Bedrückung zieht sich durch die Bibel. Man muss nur in die Psalmen, die Klagelieder, Römer 8:2, den Korintherbrief, den Hebräerbrief und die Offenbarung schauen ….
  12. Röm. 12:19.
  13. Wir könnten gerechterweise von der “unerschütterlichen Liebe/Zorn des Herrn“, von seiner „liebenden Zornigkeit“ reden. Die „Unglücklichen, Notleidenden und Bedrückten“, die die zornige Bosheit der Hoffnung anderer im Zorn von Gottes Liebe sehen, um die Dinge richtig zu tun (Ps. 9-10). Gottes Zorn über die Sünden anderer ist in zahlreichen Psalmen ein Gegenstand des Glaubens. Zum Beispiel muss ich in Psalm 37 nicht zornig und verärgert sein, wenn der Zorn auf mich kommt, falls ich mich zum Herrn flüchte und hoffe, dass sein Zorn mit den Übeltätern befasst. Aber die, die ehrlich sind, werden niemals stoisch oder selbstgerecht. Leiden ruft sofortigen Schmerz und zornigen Aufschrei hervor; Leiden ruft Selbstbetrachtung hervor, die meine eigene böse Seite enthüllt. Viele Psalmen (cf. Habakuk) zeigen, dass die eigenartige, jedoch ehrliche Kombination von (1) dem Wissen, dass ich den Zorn Gottes verdiene, während ich mein Bedürfnis nach Gnade und Veränderung aufdecke, und jedoch (2) weiß, dass ich nicht die ungerechte Feindschaft von Menschen verdiene, die als Gottes Instrumente dienen. In Psalm 38 produziert Gottes Zorn über meine Sünden, schmerzlich gefühlt, schließlich Reue, Hoffnung und Glaube – ein Aufschrei gegen die, die den Schmerz brachten. In Psalm 39 führt mein Ringen mit dem Zorn übe das mich umgebende Böse schließlich zur Hoffnung auf Erlösung von meinem eigenen Bösen – und dem mich umgebenden Bösen. In Psalm 40 erlöst mich Gottes unerschütterliche Liebe/Zorn wieder sowohl von meinen eigenen Sünden als auch von den Sünden derer, die mich verletzen.
  14. Offb. 12:12; Joh. 8:44.
  15. Wie “Zorn” wird auch das Wort “Liebe” sowohl in der Bibel als auch im täglichen Sprachgebrauch verwendet, und es wird für absolut gegensätzliche Dinge gebraucht. Wir müssen ein Wort genauer ansehen, um die Bedeutungsschwere herauszufinden, die es trägt. Wenn Begriffsbestimmungen durcheinander geraten, ist das Ergebnis Unfug. Sowohl „Zorn“ als auch “Liebe” wurden oft missbraucht, indem man darin versagte, ständig eine Trennlinie zwischen Gut und Böse zu ziehen, die durch ihre Mitte verläuft. Der Philosoph Thomas Hobbes bemerkte einmal scharfsinnig: “Worte sind die Schalter der weisen Männer: sie rechnen mit ihnen, aber sie sind das Geld der Dummköpfe” Leviathan, Teil 1, Kapitel 4).
  16. Vergleiche Exodus 32:19 mit 32:11.
  17. Numeri 20:7-13.
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  21. C. S. Lewis machte einmal die aufschlussreiche Bemerkung: “Die schlimmste Lüge ist die Halbwahrheit“. J. I. Packer bemerkte in ähnlicher Weise: “Eine Halbwahrheit, die sich als ganze Wahrheit tarnt, wird zur kompletten Unwahrheit“ (aus dem einführenden Essay zu John Owen’s The Death of Death in the Death of Christ/Der Tod des Todes im Tod Christi, neu aufgelegt als Life by His Death!/Leben durch seinen Tod!, London: Grace Publications Trust, 1992). Zorn, Feindschaft und Verleumdung sind übrigens die Meister solcher halbwahren Lügen.
  22. Natürlich können Menschen auch über nicht-menschliche Dinge zornig werden. Baalam schlug seinen Esel, als dieser ihm in die Quere kam. Beschwerden über das Essen und das Wetter scheinen in der menschlichen Natur endemisch aufzutreten.
  23. Wenn es darum geht, Zorn zu erklären, entscheiden sich biblische Christen nicht für „Charakter“ oder „Erziehung“, oder sogar „Charakter und Erziehung“. Die Trennung zwischen Gut und Böse geht durch alles hindurch, deswegen unterscheiden wir vier Faktoren. Beim Einschätzen der Auswirkungen von „Charakter“ können Sie die Mensche nicht verstehen, ohne sowohl den Schöpfungscharakter als auch den sündigen Charakter wahrzunehmen, wie wir im vorherigen Abschnitt gesehen haben. Wenn wir in ähnlicher Weise die Auswirkungen der „Erziehung“ einschätzen, müssen wir sowohl die sündhafte Erziehung als auch die gnädige Erziehung beachten. Muster sowohl von der Sünde als auch von der Weisheit können anerzogen werden (Spr. 13:20). Sowohl Charakter als auch Erziehung sind nicht neutral.
  24. Woody Allen Fans erinnern sich an die Szene auf einem geteilten Bildschirm in dem Film Annie Hall. Die verschwiegene Höflichkeit der Oberklasse der Angelsachsen aus Westchester stand im Gegensatz zu den Juden aus Brooklyn mit ihrem lebhaften Verhalten der Arbeiterklasse. Die früheren Gewohnheiten sollten nicht unser Bild von biblischer Selbstkontrolle formen. Die jüngsten Gewohnheiten sollten nicht unser Bild von biblischem Gefühlausdruck formen.
  25. “ Charakteristisches Fleisch” ist Richard Lovelace’s provozierende Bezeichnung für die relativ unveränderlichen Muster der Sünde, die jeden von uns kennzeichnen und von Person zu Person verschieden sind. Dynamics of Spiritual Life/Triebkräfte geistlichen Lebens (Downers Grove, Illinois: InterVarsity Press, 1979), S. 110.
  26. Viele populäre Philosophien des Lebens sind im Grunde stoisch. Kognitive Verhaltenstherapien zum Beispiel sehen „negative“ Emotionen (Zorn, Entmutigung) als ein Produkt falscher Glaubenseinstellungen gegenüber Ereignissen. Sie lehren eine ganze Reihe „rationaler“ Glaubenshaltungen, die ein Gleichgewicht erzeugen, gleichgültig was vorfällt. Während es keinen Zweifel darüber gibt, dass falsche Glaubenshaltungen sündhaften Zorn erzeugen, sollten richtige Glaubenshaltungen zum richtigen Zeitpunkt Zorn, Entsetzen und Qualen hervorrufen. Siehe die Psalmen. Die hinduistischen Glaubenshaltungen und Praktiken – die die Sinneswelt als Illusion bezeichnet und Techniken der beruhigenden Meditation lehrt – sind ähnlich stoisch. Natürlich erzeugen falsche Glaubenshaltungen oftmals überflüssige und sündhafte Reaktionen auf illusorische Provokationen, aber wahrer Glaube erzeugt keine Seligkeit. Jesus lebte kein friedliches Leben; er sorgte sich zuviel.
  27. Eine ähnliche Dynamik wirkt oftmals im Zorn selbst, den unsere Kultur als “geringes Selbstwertgefühl“ bezeichnet. Zum Beispiel kann eine Mutter von Vorschulkindern deprimiert sein, und sie verurteilt sich selbst, weil sie kein Haus besitzt, das wie auf den Seiten von House Beautiful aussieht. Christen gehen dies oft in zweifacher Weise falsch an. Erstens bezeichnen viele ihren auf sich selbst gerichteten Zorn und die Enttäuschung als „falsche Schuld“ und sagen, dass sie nichts verkehrt gemacht hat. Dann fügen sie noch ein Scheinevangelium hinzu wie z. B. „Jesus nimmt dich so an, wie du bist, also entspanne dich und akzeptiere dich selbst.“ Diese oft wiederholte Formel hört sich einleuchtend an, aber sie ist nicht wahr. Zweitens nehmen andere ihre Schuld für bare Münze und geben ihr das wahre Evangelium: „Jesus vergibt dir die Schuld deiner Sünde und hilft dir, dich zu verändern.“ Das schlägt aber ebenfalls fehl, weil das Problem nicht angemessen definiert wurde. Die Barmherzigkeit und Hilfe, die Jesus gibt, beabsichtigt nicht, die normale Unordnung zu vergeben und zu einer überdurchschnittlichen Ordnung zu befähigen. Es trifft eher zu, zu sagen, dass ihr selbstverurteilender Zorn eine „verdrehte Schuld“ ausdrückt. Ihre Schuldgefühle sind das Produkt eines falschen Gesetzes. Sie ist wirklich schuldig, weil sie diesem falschen Standard dient und weil sie unter den Werken dieses falschen Gesetzes steht (oder, in diesem Fall, fällt). Ihre Standards zum Urteilen sind verdreht, und ihr modus operandi ist ohne Christus. Die Wahrheit Gottes – sowohl Gesetz und Gnade – können ihren Geist erneuern. So wie der Begriff von falscher Schuld unangemessen ist, so ist es genauso unangemessen zu sagen, dass Jesus sie akzeptiert. Jesus akzeptiert sie eben nicht, wie sie ist, denn er stellt sich gegen ihre wahren Sünden. Da jedoch ihre Schuld durch falsche Kriterien verdreht ist, ist es ebenso unangemessen zu sagen, dass Jesus ihr vergibt, ohne ganz tief zu graben, um ihr wahres Bedürfnis zutreffend zu definieren. Jesus vergibt ihr nicht, dass sie kein Haus wie aus dem Katalog besitzt. Das ist keine Sünde. Er vergibt ihr die Verehrung ihres eigenen falschen Standards (und den ihrer Kultur), und er wird ihr helfen, dankbar für die Gnade zu leben, als sich vielmehr fruchtlos selbst zu beweisen. Wenn sie ihre wirkliche Sünde versteht, dann macht die Gnade einen wunderbaren Sinn.
  28. Mt. 7:1-5 und Lk. 6:39-45.
  29. Dies ist der Schwerpunkt sowohl im unmittelbaren Kontext (4:25- 5:2) und im ausgedehnten Kontext (vom Anfang des Kapitels 4).
  30. Jay Adams, What Do You Do When Anger Gets the Upper Hand/Was tust du, wenn der Zorn die Oberhand gewinnt?, Phillipsburg, New Jersey: Presbyterian & Reformed/Presbyterianisch & reformiert, 1975.
  31. Natürlich haben einige Eltern „Knöpfe“, die von Dingen gedrückt werden, die keine Sünde sind. Sie werden über die Dinge zornig, die nicht falsch sind oder über unbedeutende Verstöße gegen familiäre Regeln und Bräuche. Ihre Knöpfe sind sündhaft. Siehe Test #1. Einige Eltern „explodieren“, wenn entweder ihre sündhaften Knöpfe oder ihre rechtmäßigen Knöpfe gedrückt werden. Siehe Test #2. Einige Knöpfe bleiben zu 98% gedrückt wegen etwas, das letzte Woche passiert ist, also ist elterlicher Zorn aufbrausend. Siehe Test #3.
  32. Mt. 18:22 und Lk. 17:4.